DER EINFLUSS DES NATIONALSOZIALISMUS AUF DIE DERMATOLOGIE IN ÖSTERREICH 1933-1955

Daniela Angetter, Renate Feikes und Karl Holubar
Institut für Geschichte der Medizin der Universität Wien

ZEITGESCHICHTLICHES SYMPOSIUM im Rahmen der 40. Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, Hamburg, FREITAG 14.MAI 1999

(illustriert am Beispiel der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie und am Personalstand den beiden Wiener Universitäts-Hautkliniken und deren zugeordneten akademischen Lehrern)


Unser Fachgebiet hat sich in Österreich parallel zur Dermatologie und Venerologie in Deutschland entwickelt. Systemische, schulische Entwicklungen erfolgten, historisch gesehen, in Österreich etwas früher, ohne dass hier Julius Rosenbaum, Gustav Simon, Felix Bärensprung, Karl Kluge vergessen wären. Details müssen hier und heute ausgeklammert bleiben. Mit der Gründung des ersten deutschsprachigen Journals 1869, mit der Gründung dieser (DDG), unserer muttersprachlichen Fachgesellschaft 1888 - (in Prag 1889 inkorporiert, notabene), - und dem Wiener Weltkongress 1892, war die Entwicklung aber eine gemeinsame geworden. Dies ist aus der Beteiligung von Heinrich Auspitz, Filipp Joseph Pick, Eduard Lipp an diesen Gründungen, am Herausgeberstab des Archivs für Dermatologie und Syphilis, an den österreichischen Lehrstuhlinhabern in Deutschland, etwa Gustav Riehl und Johann Heinrich Rille, zu ersehen, auch aus der Lehrzeit Paul Gerson Unnas beim Wiener Altmeister der Histopathologie Salomon Stricker (1834-1898), aber auch daran, dass es bis vor dem II. Weltkrieg keine österreichische Gesellschaft für Dermatologie gegeben hat. Irgendwie möchte man da Anklänge an den Alpenverein sehen, der zuerst in Österreich gegründet wurde, später in Deutschland, schliesslich ein gemeinsamer war, was dort, im Alpenverein, allerdings auch im Titel zum Ausdruck kam.

Trotz des grossen Hiatus nach dem I. Weltkrieg, der für Österreich in jeder denkbaren Hinsicht viel gravierendere Folgen hatte als für Deutschland, lief diese gemeinsame Entwicklung bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland, ungestört weiter. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Gravitätszentrum der deutschsprachigen Dermatologie längst nach Deutschland verlagert, Wien hatte nichts mehr zu bieten als Tradition, wenngleich ein Präsident der DDG noch aus Österreich stammen mochte wie Riehl in den späten zwanziger Jahren.

Angelegentlich der für Pfingsten 1933 in Wien geplanten Tagung der DDG traten erstmals nachweisbare Friktionen zwischen den österreichischen und deutschen Dermatologen auf. Reichsärzteführer Leonardo Conti hatte schon im April 1933 die DDG kritisiert, dass diese nicht rasch genug die jüdischen Mitglieder auswies; im selben Monat (29. d.) erging ein Schreiben der DDG, unterzeichnet vom neuen Geschäftsführer der DDG Josef Schumacher, zusammen mit Hoffmann, Stühmer und Riecke, an die Wiener Dermatologische Gesellschaft, des Inhalts, dass eine Beschickung der vorgesehenen Tagung in Wien von Deutschland aus nicht gut werde möglich sein. Riehl sagte draufhin die für Anfang Juni geplante Tagung ab, der Vorstand der DDG war durch Tod und Austritt ohnehin schon beschlussunfähig. Im Juli (19. d.) schrieb Bodo Spiethoff, Jena, ein eifriger Proponent des neuen politischen Systems in einem Brief an das Preussische Kultusministerium in Berlin, dass die österreichischen Dermatologen „entweder jüdisch oder christlich-sozial, d.h. offen gegen unseren Staat gerichtet sind." Die neuen Vertreter der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft waren nicht mehr bereit, mit ihren Kollegen aus den Niederlanden, der Schweiz, der Tschechoslowakei und vor allem Österreich zusammenzuarbeiten. Die in Rede stehende Tagung wurde dann 1934 in Berlin abgehalten.

In Österreich war die Folge dieser Friktion eine Umbenennung der Wiener Dermatologischen Gesellschaft in Österreichische Dermatologische Gesellschaft. Leopold Arzt und Wilhelm Kerl waren bis 1938 deren Präsidenten. 80% der Mitglieder waren Juden. (Nach dem Anschluss wurde diese Gesellschaft wieder in "Wiener" umbenannt. Herbert Fuhs war während der Kriegsjahre deren Präsident).

Die Bemerkung Spiethoffs war insoferne richtig als mehr als zwei Drittel der Wiener Dermatologen Juden im Sinne der "Nürnberger Gesetze" waren. (Der Unterschied zwischen den Prozentzahlen muss wohl in der Tatsache liegen, dass die jüdischen Kollegen in einer höheren Zahl wissenschaftlich interessiert waren und zu Mitgliedern der Gesellschaft wurden). Die Namen Herrmann Zeissl, Isidor Neumann, Moriz Kaposi, Salomon Ehrmann, Gabor Nobl, Eduard Lang, Heinrich Auspitz, Filipp Joseph Pick, Ernö Schwimmer, Sigmund Lustgarten, später Moriz Oppenheim, Erich Urbach, Leopold Freund, Hans Königstein und Robert Otto Stein mögen als historisch relevante und prominenteste Vertreter der jüdisch-österreichisch-(ungarisch)en Dermatologie zur Illustration genannt sein. Dem möge hinzugefügt werden, dass es zum Zeitpunkt des "Anschlusses" in Wien über 5000 Ärzte gab, von denen Ende 1938 noch gerade 1596 übrig geblieben waren. Es gab 1935 in Wien 160 Dermatologen, Anfang 1938 noch 125; 1940 waren davon noch 48 nachweisbar. Von 45 wissen wir sicher, dass sie emigriert sind. Es bleibt also eine "Dunkelziffer" von 32, deren Schicksal uns nicht bekannt ist.

Im Studienjahr 1932/33 waren an den beiden Kliniken für Haut- und Geschlechtskrankheiten 2 ordentliche Professoren (Leopold Arzt und Wilhelm Kerl), 2 ausserordentliche Professoren (Otto Kren und Moriz Oppenheim) und 13 Privatdozenten tätig (Gabor Nobl, Karl Ullmann, Gustav Scherber, Hans Königstein, Richard Volk, Viktor Mucha, Rudolf Müller, Robert Otto Stein, Alfred Perutz, Herbert Planner, Stefan Brünauer, Herbert Fuhs und Erich Urbach). Mehr als die Hälfte davon waren jüdischer Abstammung. (9 von 17)

Im Studienjahr 1937/38 waren an Hand des Personalstandes der Universität Wien noch keine gravierenden Veränderungen sichtbar. Als ordentliche Professoren waren nach wie vor Arzt und Kerl, als ausserordentliche Professoren Oppenheim und Kren angestellt. Von den Privatdozenten waren Scherber, Volk, Königstein, Stein, Brünauer und Urbach noch tätig. Zusätzlich waren zu Privatdozenten August Matras, Josef Konrad, Anton Musger, Albert Wiedmann und Gustav Riehl jun. ernannt (alles "Arier").

Von den im Studienjahr 37/38 genannten 15 Personen blieben mit 1. Juli 1939 (Datum des Personalstandes) nur sechs übrig. (Scherber, Matras, Konrad, Musger, Wiedmann und Riehl jun.) Die beiden Universitätskliniken wurden zu einer Klinik vereinigt, deren Vorstand Herbert Fuhs war. Leopold Arzt und Wilhelm Kerl wurden entlassen.

In den folgenden Kriegsjahren waren an der Klinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten als Ordinarius Herbert Fuhs, als a.o Prof. Leo Kumer, Riehl jun., Matras und Scherber tätig. Zu Dozenten neuer Ordnung wurden Stefan Wolfram, Albert Wiedmann, Richard Geiger, Friedrich Voss, ab dem Studienjahr 43/44 Josef Tappeiner und Wilhelm Volvasek ernannt. Während der NS-Zeit änderte sich an dieser Zusammensetzung nichts. Nach Kriegsende wurden Arzt und Kerl wieder in ihre Positionen eingesetzt, die Klinken wieder getrennt. Wilhelm Kerl starb aber noch im Mai 1945.

Die wissenschaftliche Tätigkeit war während der Zeit des Nationalsozialistischen Gewaltregimes in Österreich sehr eingeschränkt. Es gab nur wenige erwähnenswerte Publikationen. Erst im Oktober 1942 fand wieder ein Kongress der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft statt. Es war der erste Kongreß einer deutschen Gesellschaft seit Kriegsbeginn. Das Interesse lag in erster Linie an venerischen Erkrankungen, aber auch an Hautkrankheiten der Soldaten.

Für die Jahre 1945 bis 1949 existieren weder im Universitätsarchiv noch im Institut für Geschichte der Medizin Personalstände. Aus dem Personalstand des Jahres 1949 ist ersichtlich, dass nur Arzt und Stein an die Universität zurückkehren konnten. Fuhs wurde in den Ruhestand versetzt, Wiedmann, Kumer, Riehl, Matras, Wolfram und Tappeiner konnten ihre universitäre Karriere fortsetzen.

Bereits am 31. Dezember 1945 beantragten Arzt, Wiedmann sowie Tappeiner die Reaktivierung der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie. Am 12. März 1946 war diese Reaktivierung gültig. Zum provisorischen Vorsitzenden der Gesellschaft wurde Leopold Arzt gewählt. Am 7. Dezember 1948 wurde Leopold Arzt zum Ehrenpräsidenten gewählt, die Präsidentschaft der Gesellschaft übernahm Robert Otto Stein. Stein war 1938 von seinem Posten als Vorstand der Poliklinik für Haut- und venerische Erkrankungen entlassen worden und bekam ein Jahr später eine Stelle im Spital der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Dort war er während der Kriegsjahre tätig. Stein gehörte zu den wenigen jüdischen Personen, die das Glück hatten, das Dritte Reich in Österreich zu überleben. Dies verdankte er in erster Linie der Heirat mit einer Arierin.

Von den obgenannten prominenten jüdischen Dermatologen mögen Erich Urbach, Moriz Oppenheim, Paul Fasal und Stefan Brünauer im Einzelnen erwähnt werden, sie alle starben in der Emigration in den Vereinigten Staaten. Gabor Nobel hatte kurz nach dem Anschluss mit seiner Frau Selbstmord begangen. Robert Otto Stein kann nicht als Rückkehrer gerechnet werden, er hatte ja in Wien überlebt. Es ist demnach KEINER der in Academia 1938 tätigen prominenten jüdischen Dermatologen wieder nach Wien zurückgekehrt.
Albert Wiedmann wurde Nachfolger Wilhelm Kerls, Josef Tappeiner jener Leopold Arztens, Stefan Wolfram wurde Primarius in Linz, Gustav Riehl jun., später August Matras wurden Primarii in Wiener Spitälern.

1951 erfolgte eine neuerliche Änderung der Statuten der Gesellschaft. 1985 erfolgte eine Namensänderung der Gesellschaft. Der Verein hieß zunächst „Die Österreichische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGD)".
1997 erfolgte die Umbenennung des Vereins in „Österreichische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV)".

Die Gesellschaft zählt heute über 700 Mitglieder. Der Prozentsatz jüdischer Dermatologen liegt sicher unter 5%; wahrscheinlich sogar unter 2%. Die personelle Besetzung der nunmehr vereinigten Hautklinik mit ihren drei Abteilungen ist ins Gigantische angewachsen. Am 1. Dezember 1960 zählte die damalige I. Hautklinik, vier Assistenten (Oberärzte) und vier Hilfsärzte. Heute beträgt die Zahl der Ober-, Assistenz- und Gastärzte etwa 70. Wenn die Wiener Dermatologie in der Welt wieder bedeutend geworden ist, so gründet sich das nicht nur auf den Schweiss und Eifer der heute Tätigen, sondern auch auf das Unglück der Vertriebenen, aus Österreich und aus Deutschland. All jene, die aus hoffnungsvollen Stellungen hinausgeworfen wurden, kamen in Länder, deren Sprache sie nicht oder nur kaum sprachen, wo sie weder Staatsbürgerschaft noch ärztliche Lizenzen besassen, d.h. wo sie sich mit der Wissenschaft pur auseinandersetzen mussten. Und das brachte Früchte: Die investigative Dermatologie entstand zum Gutteil aus diesen Ursprüngen und wir alle waren deren Nutzniesser. Das mögen wir nicht vergessen.

Abschliessend soll festgehalten werden, dass bei uns in Österreich die Beschäftigung mit der Kriegsvergangenheit der ärztlichen, notabene der dermatologischen Welt, ungenügend bearbeitet wurde und erst in diesen Jahren in den Mittelpunkt rückt. Vieles von dem, was österreichische Ärzte im Unrechtsstaat des NS-Systems angestellt und verbrochen haben, harrt noch der Elaboration.

(Die Liste der 45 Emigranten wird in der zuständigen Publikation enthalten sein).